Bodo Hell
ein seltener Vogel

je weiter man in den Bergen hinaufsteigt, desto niedriger liegt bekanntlich die durchschnittliche JahresTemperatur, alle 100 Höhenmeter nimmt sie um etwa 0,6 Grad Celsius ab, und die Zeit des Pflanzenwachstums verkürzt sich auch pro 100 m um rund eine Woche, also ist es auf 2000 Metern Höhe 6 Grad kälter und 10 Wochen kürzer als auf 1000 Metern, d.h. die Pflanzen müssen sich dukken, schützen und schleunen, detto die Tiere
der sagenhafte Mornellregenpfeifer, reichlich drosselgroß und überwiegend dunkel gefärbt, mit langem weißem Augenstreif und weißem Brustband, dunkle Tropfflecken und Schaftstriche, Dunenkleid kontrastreich ockerbraun, die jung bläulichen Füße weden später gelblichbraun, Männchen sehen wie Weibchen aus und umgekehrt, trillernd dürr-dürr-düt- und wiederholte tit-tüürr-Rufe, brütet in der baumlosen Tundra mit steinigen Bergrücken und auf ähnlich aussehenden hohen Gebirgen, bisweilen auch in den Zentralalpen, etwa am Zirbitzkogel oder gar auf den Randkuppen des Dachsteins, etwa auf dem Großen Grafenberger Miesberg, 3 olivbraune, dicht schwarzbraun gefleckte Eier liegen wie fleckige Steine in notdürftig mit Moos und Flechten ausgelegter Mulde, Bebrütung 3 – 4 Wochen, Führung der Jungen 1 Monat, beides ausschließlich durchs Männchen, das Weibchen, biologisch wertvoller, sucht sich, sobald das Männchen auf den Eiern sitzt, einen zweiten Partner oder ist unmittelbar nach der EiAblage wieder an die Fleischtöpfe Ägyptens zurückgeflogen, „der Lappe und der Finne zeigen einander das Wunder“, so könnte als Legende unter einem Foto des frei in der Tundra zu Füßen der Besucher brütenden VogelMännchens stehen, höchstgefährdet, doch wie lernen die Jungen denn die Zugroute nach Süden, da auch die Väter bald das Weite suchen, eine merkwürdige Verbindung: nur wenn es Jahre mit vielen Lemmingen gibt, hat das Raubwild und haben die Raubvögel des Nordens an diesen genug und es kommen umso mehr Limikolen durch und also auch der eine oder andere Mornellregenpfeifer zu uns, sonst nicht
über der unterschiedlich hohen Waldgrenze beginnt also das Reich der alpinen Zwergsträucher, Moose und Flechten, die wenigen Tierarten, denen man hier noch begegnet, müssen beträchtliche Temperaturschwankungen zwischen Tag und Nacht verkraften, heftigen Wind und grelles Licht aushalten, kurze Sommer wechseln mit langen und schweren Wintern ab, einen Herbst oder Frühling wie im Flachland draußen gibt es kaum
so schön hätte es sein können, mag sich der eine oder mögen sich alle versammelten Naturmenschen denken: auf diesem moosigen Hochplateau knapp über 2000 Metern Höhe mit seinen nordwestexponierten ForstSchuttZeilen den Abhang herunter, der sogenannten Solifluktion, die die Flanke weit hinunter in kalkhelle und rasendunkle bänder gliedert, so schön: wenn dann plötzlich ein runder Schattenfleck sich über den kargen Boden bewegt, quasi dahinrollt, innehält und man sieht den zum Schatten gehörigen Vogel hochbeinig stillstehen, ohne Laut, Eudromias morinellus, ist er nun leibhaftig dort 20 Meter vor uns oder nur täuschend und schlagschattenwerfend in die karge Landschaft gemalt, auf einem unerheblichen Stein fußend, daß der Beineschatten im Knick zu Körperschatten verläuft, als Stilübung in Camouflage, in der naturgetreuen Topographie des Vogelkörpers ausgeführt, da zieht der Láhol (wie ihn die Samen nennen) nur durch, erinnert sich auf den baumlosen Alpmatten vielleicht seiner tundrischen Gefilde, wo er ausgebrütet wurde und vielleicht auch selbst ausbrütet, hier heroben hat er die Menschen von keinem Gelege abzulenken, indem er eine gebrochene Schwinge vortäuscht und klagend von Stein zu Stein schleifend den Menschenfuß von den Vogeleiern weglockt, hier kann er stehenbleiben und schauen, „lerne Geduld“ scheint sein Knopfblick zu sagen, und er verharrt eine lange Weile still, samt seinem Schatten, „das wißt ihr jetzt nicht: habe ich hier auf einem der wenigen Brutplätze in den Alpen schon unbemerkt den Sommer verbracht oder ziehe ich nun Anfang September aus der Tundra nach Süden und habe auf diesem Alpenriegel nur Zwischenhalt gemacht, damit wir uns kennenlernen können, flüchtig zwar, aber immerhin, wer weiß“, trillert er unhörbar den verdutzten Anwesenden zu und errät damit vielleicht deren unausgesprochene Wünsche, während manch einer von ihnen schon gar nicht mehr den Vogel meint, sondern intensiv an diesen lieben Verstorbenen denkt, „wer weiß, vielleicht sehen wir einander eines Jahres ausführlich wieder“ n

Bodo Hell im Gedenken an Landl Adi (+ 8. 5. 2002)